Smlie Fotowalk

Fotowalk mit geflüchteten Menschen

Mai 19, 2016

by — Posted in ALLGEMEIN, REVOLUTION

Neun Männer aus einer Münchner Flüchtlingsheim lassen sich spontan auf einen Fotowalk mit zwei Hobby-Fotografinnen am Sonntagnachmittag ein. Geht das gut? Ein Text über Spontaneität, die universelle Faszination für Fotografie und Gänseblümchen.

„They all went to a demonstration. It is about the president of Afghanistan. Nobody is here“, teilt uns Arif, Kontaktperson und Mitorganisator, unseres Fotowalks mit Flüchtlingen zwanzig Minuten vor Beginn übers Handy mit. Arif sagt, wir sollen trotzdem ins Flüchtlingsheim kommen und spontan Leute ansprechen. Meine Freundin Andrea und ich steigen also in die U-Bahn.

Fotowalks sind häufig über Netzwerke oder Web-Plattformen organisierte Treffen von Hobby-Fotografen. Gemeinsam wird eine bestimmte Strecke oder Location zu Fuß fotografisch entdeckt. Im Nachgang werden die Ergebnisse diskutiert. Genau so einen Walk haben wir mit sogenannten Flüchtlingen vor, aber mit Handy- statt teuren Spiegelreflexkameras.

Der Pass ist die Eintrittskarte in die Flüchtlingsunterkunft

Hinter dem Eingangstor des Heims erwartet uns ein trister Vorplatz aus Beton, spielende Kinder, Männer, die rauchend in die Leere starren. Eine stickige Massenunterkunft – darin ein Geruch, der sich sofort und für immer in die Nase beizt. Wir stehen in der Halle herum, niemand interessiert sich für uns. Arif, der engagierte Jugendliche aus Afghanistan, versucht erfolglos Bewohner für unseren Fotospaziergang zu gewinnen. Ich resigniere sofort und frag mich was uns geritten hat überhaupt hierher zu kommen. Andrea sieht das anders, aufgeben ist nicht ihr Ding. Draußen auf dem Hof spricht sie einige der „Ins- Leere-Schauer“ an. Ich setze mich auf eine Bank und krame voll vorgetäuschtem Aktionismus meine Fotobücher aus dem Rucksack.

Dann kommen zwei Frauen auf mich zu und fragen was wir machen und ob ihre Männer dabei mitmachen dürfen. Ich erkläre es und schlage vor, sie sollen doch auch mitkommen. Sie lächeln wissend und gehen weg. Arif erklärt uns, dass die Frauen nicht mitkommen werden. Wir müssen für sie eine extra Frauen-Tour organisieren. Ab da bewegt sich etwas. Eine viertel Stunde später sind neun junge Männer aus Afghanistan, Kurdistan und Irak bereit mit uns loszuziehen. Spontaneität im Flüchtlingsheim funktioniert also.

Basics der Fotografie – Linien, Punkte, Farben und Goldener Schnitt

Auf dem Weg zur ersten Fotostation erkläre ich der Gruppe ein paar Basics über Bildkomposition. Arif übersetzt für die Afghanen. Für die Iraker versuche ich es mit Deutsch und Englisch. Wir laufen weiter, keiner fotografiert, aber alle unterhalten sich und die Stimmung ist gut. Mit Selfies und gegenseitigem Fotografieren geht es los. Dann treffen wir auf einen Skateboarder am Königsplatz – endlich ein cooles Fotomotiv. Ein paar Meter weiter stehen die beeindruckenden Siegessäulen des Königsplatz, steinerne Treppenstufen, zerbrochenes Glas, das in der Sonne glitzert. Alles wird fotografiert. Ich setze mich nach einiger Zeit auf eine Treppe und beobachte die Männer dabei, wie sie im Gras kniend Gänseblümchen fotografieren und Motive mit Punkten, Linien und Farben experimentieren. Immer wieder kommen sie zu mir und Andrea und zeigen stolz ihre wirklich kreative Arbeit.

Konzentriertes fotografieren am Königsplatz
Konzentriertes Fotografieren am Königsplatz

Wie Touristen spazieren wir durch unsere Stadt

Witze werden gerissen, wir lachen viel und sind unbeschwert. Nach zwei Stunden trennen sich unsere Wege wieder. Die spontane Zusammenkunft von Menschen mit unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlichem Status löst sich fröhlich auf. Für nächsten Sonntag ist eine Nachbesprechung für die Top 10 unserer Bilder ausgemacht. Tbc …

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