Pflichttermin für 2017

Gedanken beim Zündfunk Netzkongress

Oktober 16, 2016

by — Posted in ALLGEMEIN, REVOLUTION, STADTLEBEN

Was spaltet unsere Gesellschaft? Links oder rechts? Analog contra digital? Mensch gegen Maschine? Wieso wird nicht mehr miteinander geredet, diskutiert, gestritten? Zu große Gräben schaffen Schweigen. „Mind the Gap“ ist das Leitmotiv des Netzkongresses im Volkstheater.

Ungewöhnliches wird beleuchtet auf dem Zündfunk Netzkongress von Bayern 2 – vom Roboter, Bio-Hack, digitalem Trauern bis hin zur Analyse des weltverschwörerischen Narratives der Rechtspopulisten. Viele Referenten kommen aus Berlin, man kennt sich. Ich beobachte.

Strategien gegen den Hasskommentar

Anna-Mareike Krause ist Social Media-Koordinatorin bei der Tagesschau. Die Community Managerin spricht in ihrem Vortrag über Strategien gegen den Hass in den Kommentar-Foren von Nachrichtenmagazinen. Sie erzählt davon, dass sich in den vergangenen zwei Jahren etwas verändert hat. Früher wurden rassistische Äußerungen im Kommentarbereich mit Pseudonym gemacht, heute wird mit Klarnamen gehetzt. Die Redakteure erfahren über die Facebook-Profile der Hass-Kommentatoren wo diese wohnen, welche Interessen sie haben, welche Berufe sie ausüben. Traurig ist, das Hass-Poster derzeit nur in absoluten Ausnahmefällen rechtliche Konsequenzen fürchten müssen. Hier sind Juristen noch mit einer ganz neuen Materie konfrontiert. Im Gesicht der Referentin lese ich, dass sie Tag für Tag einen Haufen Scheiße lesen muss. Ich glaube nicht, dass man diesen Job jahrelang aushält. Hier findet ihr den tollen Vortrag der Kämpferin gegen den Hass. https://www.youtube.com/watch?v=Z-SKfuZ9gms

 Selbstzensur durch Filter

Während des Vortrags kommt mir der Gedanke, dass all die Filter und Likes, die wir in unseren Nachrichten-Streams setzen vielleicht Teil des Problems sind. Filter schaffen Gräben zwischen den Meinungsflügeln. Jeder lebt in seiner eigenen Meinungs-Bubble mit individualisiertem Nachrichtenkanal. Filter setzen und nur noch das lesen, was mich wirklich interessiert – dies haben wir doch irgendwann mal verheißungsvoll Web 2.0 genannt, oder? Neben dem Filter setzen, basteln viele auf Facebook auch an ihrer Wunschidentität, am weltweit zugänglichen digitalen Image. Mareice Kaiser, die später über digitales Trauern spricht, bringt es auf den Punkt: „Auf den Profilen, auf denen wir unser vermeintlich perfektes IKEA-Leben präsentieren, ist für Grauzonen, für Tod, Krankheit und Behinderung kein Platz.“ Mit diesem Gedanken im Kopf frage ich Anna-Mareike Krause, was sie empfiehlt, wenn ich eben diese „Selbstzensur durch Filter und Likes“ durchbrechen will. Ich möchte nämlich wissen, was die AfD postet, ich will wissen, was in Iran diskutiert wird und ich möchte Gruppen liken können, ohne sie zu mögen, sondern um ihre Argumente zu verstehen und sie letztlich auszuhebeln. Die Antwort war kurz: „Mach dir ein Fake-Profil auf Facebook – anders geht es nicht.“ Weiter gedacht heißt das: Jeder, der Dinge beobachten will, die nicht in das selbstgebastelte Imagekonzept passen, muss sich ein „Dark-Side Profil“ zulegen. Ich glaube, ich nenne mich dann Dunja Dunkel.

Pflichttermin für 2017
Zündfunk Netzkongress: Pflichttermin für 2017

 

Mensch oder Maschine? Cognitive Cooking

Als PR-Mensch fand ich den Vortrag „Köstliche Intelligenz“ etwas tendenziös, aber IT-Unternehmen haben eben Interessen und Geld. Aber egal, das Thema Cognitive Cooking ist spannend. IBM hat „Chef Watson“ entwickelt, eine Web-Plattform auf der man beliebige Zutaten einträgt und dann: Abracadabra! Der digitale Maestro gibt ein Kochrezept aus und zeigt, welche Lebensmittel generell gut dazu passen. Dabei ist es egal, wie abstrus die eingegebenen Zutaten sind – das behauptete zumindest der Referent Stefan Holten. Er erhofft sich davon Lebensmittelverschwendung reduzieren zu können. Hinter Chef Watson steckt eine riesige Datenbank, deren Kombinationsmöglichkeiten „a la Big Data“ selbst Profi-Köche mit neuen Kombinationen überraschen sollen.

IBM macht nichts aus Spaß. Dahinter steckt die Vision von der Automatisierung des Kochens – die IT soll lernen, was gut schmeckt, der Roboter kocht, Big Data ersetzt Mensch und Chefkoch. Beim Selbstversuch Zuhause habe ich Sardellen, Pflaumenmarmelade und Eier eingegeben – der Computer hatte keine Idee. Voll der Looser, dieser Watson! Side-Kick beim Vortrag war der Verein „Restlos Glücklich e. V.“ aus Berlin. Im Restaurant des Vereins bekommen aussortierte Lebensmitteln eine zweite Chance. Der Koch weiß erst morgens, welche Zutaten er zur Verfügung hat. Die Gäste bekommen keine Speisekarte. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt und andernorts verschmäht wurde.


Zum Weiterdenken und Weiterlesen

 

Weitere interessante Zündfunk Referenten zum Followen

  • Patrick Gensing, Buchautor, @Patrick Gensing
  • Liane Bednarz, Publizistin – kennt sich sehr gut mit den Rechtspopulisten und ihrer Sprache aus und ist eine hervorragende Rhetorikerin. Aber Vorsicht, sie nennt sich selbst liberal-konservativ, @L_Bednarz
Bloggerin_Kopftuch
Kübra Gümüsay leidenschaftliche Kämpferin für eine offene Streitkultur.

Kübra Gümüsay, Autorin, feministische Aktivistin mit Kopftuch und Feuer, @kuebra

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