Irene Nitsch

Hegerin der urbanen Gärten

Juli 15, 2016

by — Posted in ALLGEMEIN, REVOLUTION, STADTLEBEN

Urban Gardening ist für Irene Nitsch die Keimzelle für gesellschaftliche Veränderung und selbstlernende Gemeinschaften. Alles hängt irgendwie zusammen, deshalb kommen wir vom Gespräch übers Gärtnern schnell auf Ideen für neuen Arbeitszeitmodelle und zeitgemäßen Städtebau.

Interview mit Irene Nitsch, Projektmanagerin für urbanes Gärtnern bei Green City e.V.

Was wächst in den urbanen Gärten der Münchner denn besonders gut?

Zuckererbsen! Und Bohnen begeistern. Was gut wächst, hängt aber vom Wetter ab. Mir fällt immer wieder auf, dass viele Leute keine Vorstellung davon haben, wie klein ein Samenkorn ist und wie viel dann aus so einem Winzling entsteht. Deshalb zeigen wir in Schulen den Kindern einen kleinen Tomatensamen und dann daneben zum Vergleich ein Kilo Tomaten – also den Ertrag einer einzelnen Tomatenpflanze.

Du leitest zwei spannende Gartenprojekten in der Stadt. Was passiert da?

Für die Umweltorganisation Green City e.V. mache ich die Projektleitung für „Essbare Stadt“, dazu gehört ein Gemeinschaftsgarten mit 120 jeweils zwei Quadratmeter großen Beeten im Rosengarten. Das Besondere an der „Essbaren Stadt“ ist, dass Bürger in einer öffentlichen Grünanlage gärtnern. Das zweite Projekt ist der „Giesinger Grünspitz“, der einen relativ kleinen Gemüsegartenteil hat. Hier liegt der Fokus mehr darauf, ein Naherholungsgebiet zu schaffen. Wir stellen uns dort gemeinsam mit den Münchnern die Frage, wie eine moderne, innerstädtische Erholungsfläche aussehen könnte.

Gehört also in den Stadtpark der Zukunft immer eine offene Urban Gardening Fläche?

Die Keimzelle für den „Giesinger Grünspitz“ war das Gemüsegärtnern. Die Ersten, die auf dem ehemaligen Parkplatz kamen waren diejenigen, die gesagt haben, sie wollen Gemüse anpflanzen. Das war ihre Motivation. Es hat sich dann aber sehr schnell rausgestellt, dass mehr entsteht – viel Kreativität wurde freigesetzt. Es geht hier um das Voneinanderlernen. Du triffst am Grünspitz Leute, die du normalerweise nicht treffen würdest – so wie im Biergarten.

Bild von urbanen Gärten - Grünspitz
Kreative Fingerstrickerei macht graue Bauzäune am Giesinger Grünspitz schöner.

Wie bringst du Leute dazu, sich aktiv einzubringen?

Ich glaube, viele Münchner haben das Gefühl: „Die Stadt macht alles für mich und ich kann mich da gar nicht mehr einbringen. Für Viele ist es gar nicht vorstellbar, dass die Stadt sogar Interesse daran hat, dass die Bürger etwas selbst gestalten, Verantwortung übernehmen und Vorschläge machen. Vielleicht ist es tatsächlich eine der größten Herausforderungen, die Städter aus dieser Konsumentenrolle herauszubekommen. Alle Aktionen von Green City e.V. sind Angebote an die Leute aktiv zu werden.

Kind gießt in urbane Gärten
Gemüse im urbanen Garten anbauen schafft mehr Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln.

Teilst du mit uns deine Vision von der perfekten Stadt?

Mein Traum ist, dass München wirklich essbar wird. Das heißt die Bevölkerung würde 15-20 Prozent ihres Gemüsebedarfes selbst innerhalb der Stadtgrenzen herstellen. Dazu müsste man sich neue Formen des Wohnungsbaus überlegen, z.B. nutzbare Dachflächen. Gemüse- statt Blumenkübel in der Fußgängerzone aufstellen. Oder Parkplätze in kleine Gemüsefelder umwandeln. 300 Quadratmeter Parkfläche, also zwischen 25 und 30 PKW-Parkplätze, ergeben fünf 60 Quadratmeter große Gemüseäcker, auf denen jeweils 200 kg Gemüse wachsen könnte – insgesamt 1000 kg essbares. Das lässt sich aber nur schaffen, wenn viele Leute das in ihren Tagesablauf einbauen und mithelfen.

Da muss sich aber noch einiges ändern?

Ja, das hieße Umdenken. Kinder hätten im Kindergarten schon einen eigenen Garten. Und in Office-Parks verschwinden Wiesen zugunsten von Gemüse, was es dann wieder in den Kantinen gibt. Dann wären wir bei dem Punkt, dass eventuell ein Teil des achtstündigen Arbeitstags im Firmengarten stattfindet. Also: Garten statt Raucherecke.

Du arbeitest hauptberuflich für eine NGO. Berufstätigen fehlt aber schlichtweg die Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Meine persönliche Vorstellung wäre, dass in Zukunft jeder ein Lebensarbeitszeitkonto hat und es ihm selbst überlassen wird, wann er das abarbeitet. Schade finde ich auch die Trennung zwischen wirtschaftlicher und ehrenamtlicher Tätigkeit. Es wäre für alle von Vorteil, wenn dieses Lebensarbeitszeitkonto auch ehrenamtliches Engagement als Arbeitszeit anrechnet. Für Unternehmen ist im Bereich CSR noch viel Luft nach oben offen…aber das ist dann nochmal ein ganz neues Thema.

Schorle
Irene hat sich die neue rote Limonade von Adelholzener für unser Schorle-Gespräch im Garten gewünscht.

Zum Weiterdenken und Weiterschreiben:

  • Wie sollen vernünftige Parks in Zukunft aussehen?
  • Wie kann man als Bürger Einfluss auf Wohnungsbauprojekte nehmen?
  • Was gehört zur Lebensarbeitszeit in einer modernen Gesellschaft?
  • Wie muss sich Landwirtschaft und Lebensmittelkonsum verändern?
  • Linkstipps: Nachhaltige Landwirtschaft im Solidaritätsprinzip und Food Assembly

Merkenswerte Zitate von Irene:

Close Irene

„Kaum einer weiß, dass ein Gemüsegärtner nur zwischen 1.600-1.800 Euro brutto im Monat verdient.“

„Gerade, wenn du anfängst in globalen Firmen zu arbeiten, dann gibt es da so eine Zeit der in der man in dieser Firmenkultur aufgeht. Und erst, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht oder irgendwo ein Bruch in dieser Entwicklung stattfindet, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo du nochmal neu überlegst – was könnte denn sein? Bei mir war das vor vier Jahren der Fall.“

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